26.04.2006
Herr Koch legt die Karten auf den Tisch
Poker-Weltmeister von 2003 plaudert aus dem Nähkästchen: "Zum richtigen Zeitpunkt den Tisch verlassen"
Horst Koch, der Pokerweltmeister von 2003, präsentiert in seiner Wohnung in Leinfelden-Echterdingen (nahe Stuttgart) den Traum eines jeden Pokerspielers: einen Royal Flush.
Foto: dpa
Leinfelden-Echterdingen - Dämmerlicht und stickige Luft. Kleine, dicke Männer mit Sonnenbrillen um einen runden Tisch im Hinterzimmer. In der einen Hand die qualmende Zigarre, in der anderen die Karten. Die Männer aus einer beliebigen Szene aus unzähligen Filmen pokern um Millionen. So stellt man sich das vor, bis man Horst Koch begegnet. Er sieht aus wie ein professioneller Spieler. Aber nicht wie eine Pokerspieler. Sondern wie ein Profi-Tennisspieler, was er früher auch mal war. Groß, athletisch und sonnengebräunt ist der Poker-Weltmeister von 2003. "Pokern ist mehr als ein verruchtes Glücksspiel", sagt der 47-Jährige aus Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen).
Koch will das Kartenspiel in Deutschland salonfähig machen und hat damit keine schlechten Aussichten. Gepokert wird um bares Geld. Poker ist ein Kartenspiel, das mit einem 52er französischen Blatt (Kreuz/Pik/Herz/Karo) gespielt wird. Während Pokern früher als reines Glücksspiel angesehen wurde, werden heute von vielen Spielern die Bluff-Aspekte und strategischen Entscheidungen in den Vordergrund gestellt. Bei einem Pokerspiel wechselt das Austeilen und Tauschen von Karten mit Wettrunden ab. Gewinner ist der Spieler, der in der letzten Wettrunde (Showdown) die besten Karten hat oder als einziger nicht aussteigt.
Die Live-Übertragungen von Pokerspielen im Fernsehen haben höhere Einschaltquoten als Talkshows und der minderjährige deutsche Nachwuchs zockt wie wild im Internet. Pokern ist in. Kein Wunder. "Jede Woche gibt es weltweit zehn Poker-Millionäre", erzählt Koch. Und er muss es wissen. Der Weltmeister ist in den Casinos von Las Vegas, Los Angeles und Baden-Baden fast zu Hause. 3000 Euro ist sein Limit pro Abend. Seit 18 Jahren hat Koch am Jahresende ein Plus auf seinem Konto. "Reisen und dabei reich werden." Einen schöneren Alltag kann sich manch einer kaum vorstellen. "Aber Pokern ist auch schwere geistige und körperliche Arbeit", meint Koch. "Clever muss man sein, das Spiel aus dem Effeff beherrschen und genau wissen, wann man genug hat und den Tisch verlassen sollte."
Nicht wenige Pokerspieler hat Koch zugrunde gehen sehen. "Manche sitzen 36 Stunden am Spieltisch und verlieren sich in einer Parallelwelt. Da zählt nichts mehr außer Pokern." Ein Bekannter soll so drei Millionen Euro innerhalb eines Jahres verzockt haben. Für sich sieht Koch keine Gefahr. Er betrachtet sich als professionellen Poker-Unternehmer und organisiert weltweit Turniere und Poker-Events. "Ich bewege mich beim Spielen im Mittelfeld und warte auf meine Chance", verrät er. Seine Geheimwaffe: Kräuterbonbons von Ricola, die er während des Pokerns unablässig lutscht. Ob Holunder, Melisse oder Kräutergeschmack - der Gegner ist irritiert und fragt sich, was das zu bedeuten hat. Schon ist er abgelenkt und unaufmerksam und Koch ein wenig näher dran an der Million - dabei fühlt sich Koch einfach nur lockerer beim Lutschen.
Besonders wichtig sind die kleinen Begleiter, wenn eine Frau mit am Spieltisch sitzt. Aber Koch wird nicht etwa nervös wegen der weiblichen Reize, sondern wegen der weiblichen Raffinesse. "Frauen beim Pokern sind mit Vorsicht zu genießen." Nur etwa acht Prozent der Pokerspieler sind Frauen, aber die scheinen es in sich zu haben. Die ersten beiden deutschen Pokermeister waren weiblich bis Horst Koch 1995 den Titel holte.
Mit den Frauen begann auch seine Poker-Karriere. 1988 heiratete Koch bei einem Las-Vegas-Besuch seine heutige Ehefrau "schnell und völlig unbürokratisch". Während dieses Urlaubs pokerte er in den Casinos der Zockermetropole und gewann 6000 Euro in drei Tagen. Von da an war für den Süßwarenverkäufer klar, dass er seinen Lebensunterhalt auch unkonventioneller verdienen kann. Als er nach Deutschland zurückkehrte, legte er ein Probejahr ein, in dem er zwölf Mal im Monat in Baden-Baden pokerte. Zum Jahreswechsel war es entschieden: "Ich war mir ganz sicher, vom Pokern leben zu wollen." Seit 18 Jahren hat er seine Entscheidung nicht bereut.
Quelle: Anne Gottschalk, dpa